Dr. Peter Ramsauer im Interview mit der Welt am Sonntag am 27.03.2011
Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer sitzt im Stüberl der Kringsalm im österreichischen Obertauern und stärkt sich für einen neuen Tag auf der Piste. Ein CSU-Politiker und Sohn der Berge – oder besser des Voralpenlandes – entspannt natürlich nicht auf dem Golfplatz, sondern am liebsten beim Skifahren. Links und rechts um den Minister hat sich die Familie versammelt, drei der vier Töchter mit Freundinnen und Freunden und Ehefrau Susanne, vor ihm auf dem Tisch steht eine dampfende Portion Kaiserschmarrn – mit fruchtiger Deko.
Peter Ramsauer:
Wer will Papas Erdbeere?
(eine der Töchter greift blitzschnell zu. Der Teller leert sich rasch)
So, jetzt können wir.
Welt am Sonntag: Sind Sie fit, Herr Ramsauer? Haben sie ordentlich Skigymnastik getrieben?
Brauch ich nicht, ich bewege mich so schon genug. Wann immer es geht, lauf ich ein paar Runden.
Stimmt, Sie sehen durchtrainiert aus …
… und kein Kilo Übergewicht.
Hat Ihnen das den Titel "Mr. Bundestag" eingebracht?
Keine Ahnung. Ich weiß bis heute nicht, warum mir der 1991 verliehen wurde und ob ich ihn noch tragen darf. Vielleicht bin ich schon abberufen worden.
Wie findet Ihre Frau diesen Titel? Immerhin gilt Nicht-Berlinern die Hauptstadt als wahres Sündenbabel.
Ach, das liest man immer, aber da ist doch viel Fantasie dabei.
Möglichst gesund leben also. Dennoch. In Ihren Maßkrügen ist hoffentlich richtiges Bier und nicht wie weiland bei Edmund Stoiber Alkoholfreies?
Es kommt schon vor, dass man mir bei Veranstaltungen einen Krug mit Deckel hinstellt – damit man nicht sieht, dass da Wasser drin ist. Natürlich ist mir ein gutes Bier lieber. Aber nur, wenn man nicht Auto fahren muss...
Warum fahren wir in Österreich Ski und nicht in Ihrem Wahlkreis? Der ist nach Ihren Worten der schönste Deutschlands und hat tolle Skigebiete.
Obertauern ist uns schon vor Langem ans Herz gewachsen. Hier haben alle unsere vier Töchter das Skifahren gelernt, wir kennen praktisch jeden Buckel. Es ist auch ganz gut, wenn man einmal im Jahr ein bisschen raus von zuhause kommt.
Apropos Buckel: Sind Sie einer von diesen wilden Carvern?
Früher war ich eher ein Wilder, inzwischen fahre ich risikobewusster. Und seit dem furchtbaren Unfall meines Freundes und Kollegen Dieter Althaus trage ich auch einen Helm.
Was nehmen wir: die Buckelpiste oder die Familienabfahrt?
Was Sie wollen, von mir aus die schwärzeste Piste.
Ramsauer kurvt in eleganten, nicht zu rasanten Bögen gen Tal.
Klar, dass Sie den Steilhang wählen - das machen Sie auch beruflich gern. Sie waren nach Karl-Theodor zu Guttenbergs Rücktritt als Bundesverteidigungsministers im Gespräch, haben aber abgelehnt. Warum?
Man muss auch mal Rücksicht auf die Familie nehmen. Auch als Spitzenpolitiker. Man kann doch nicht immer das Ideal der Familie hoch halten und dann ausschließlich auf die Karriere schauen. Außerdem will ich in der Verkehrs- und Baupolitik wichtige Vorhaben weiter vorantreiben.
Kann Guttenberg noch einmal politisch durchstarten?
Der größte Fehler, den man jetzt machen kann, wäre, schon wieder über ein Comeback zu diskutieren. Zurzeit tut Karl-Theodor zu Guttenberg genau das Richtige: Er versucht, Abstand zu gewinnen. Und nach einigen Jahren muss jedem die Möglichkeit eines Neuanfangs gegeben werden.
Wird Ihnen mulmig bei dem Gedanken, dass Ihr Doktorarbeit durchleuchtet wird?
(lacht) Ich bin so lange im politischen Geschäft, was glauben Sie, wie oft sich die schon jemand vorgenommen hat. In meiner Arbeit geht es um die wirtschaftlichen Ziele und Effekte der Gebietsreform in Bayern. Ich habe neue Beurteilungsinstrumentarien für Kommunalreformen entwickelt, da gab es nichts, was ich einfach hätte übernehmen können ... Jetzt Energie aufnehmen, da kommt ein Ziehweg, da müssen wir Schuss fahren!
Kurzer Stopp für ein Glas Gamsmilch, ein ziemlich alkoholhaltiges Milchmischgetränk, das es so nur in diesem Tal gibt. Ramsauer bestellt.
Peter Ramsauer:
Eine Gamsmilch bitte. Herr Doll, Sie kriegen keine, Sie müssen noch Auto fahren. Das ist jedenfalls die Empfehlung des Bundesverkehrsministers.
Einige gönnen sich hier offenbar mehrere Gläser. Was halten Sie von Alkoholkontrollen auf den Pisten?
Muss denn immer alles bis ins letzte Detail per Gesetz geregelt werden? Es gibt auch noch so etwas wie Eigenverantwortlichkeit.
Eigentlich ist Ihr Job gar nicht so viel weniger stressig als der des Verteidigungsministers, Sie haben zahlreiche Großbaustellen, zum Beispiel die der Einführung des Biosprits E10. Keiner will es tanken, da hat die Politik bei der Einführung ordentlich gepatzt, sagt die Mineralölwirtschaft …
… es ist immer dasselbe, wenn etwas nicht läuft wie erwartet, schiebt die Wirtschaft alles auf die Politik, das kenn ich als altes parlamentarisches Schlachtross.
Tatsache ist, dass Verwirrung herrscht.
Über die Einführung hat das zuständige Umweltministerium intensiv informiert, und die Mineralölwirtschaft kann jetzt nicht so tun, als ginge sie das alles nichts an. Sie weiß ja sonst auch ganz genau, wie man Märkte durchdringt und die Nachfrage ankurbelt. Genau das erwartet die Bundesregierung jetzt von den Konzernen.
Die haben aber keine Lust.
Hier muss schon klar sein, wer Koch und wer Kellner ist. Ich bin sicher, dass mein Kollege Röttgen das hinbekommen wird.
Ein paar Skifahrer schauen rüber und tuscheln.
Reagieren die Österreicher eigentlich, wenn sie den deutschen Bundesverkehrsminister erkennen, oder ist das einfach ein Piefke mehr?
Mit Helm und Brille ist man kaum zu erkennen. Aber es kommt schon vor, dass ich angesprochen werde. Das finde ich gut. Da erfahre ich, was die Nachbarn so denken.
Sie protestieren gar nicht, dass ich Sie mit den preußischen Piefkes in einen Topf werfe.
Nein, das trifft mich nicht, ich bin ja keiner.
Sie leben seit Jahren in der Hauptstadt, fühlen Sie sich nicht ein bisschen als Berliner?
Ich bin gern in Berlin, aber das ist der Ort, an dem ich meine Arbeit mache. Zuhause bin ich in Bayern.
Aber geben Sie’s zu: Berlin ist spannender als München.
Früher ist Bonn oft mit München verglichen worden, jetzt wird Berlin herangezogen. Aber das bringt nichts, jede Stadt hat ihr ganz eigenes Flair.
Es geht eine steile Buckelpiste runter.
Als Spitzenpolitiker erlebt man viele Auf und Abs. Was war Ihr persönlicher Tiefpunkt?
Die ersten sechs Tage nach dem Ausbruch des Vulkans auf Island im April 2010, also die Vulkanasche-Krise, das war die schlimmste Buckelpistenfahrt meiner Amtszeit als Minister. Damals gab es Momente, in denen es mich ganz schön durchgerüttelt hat. Das internationale Regelwerk, das für derartige Fälle erarbeitet worden war, bot keine abschließenden Lösungen an. Ich musste mich deshalb stark auf meinen politischen Instinkt verlassen. Der Druck war groß, ich hatte aber einen klaren Kompass.
Sie haben einmal eine Bemerkung gemacht, dass Sie sich von ihren Ministerkollegen in dieser Krise ziemlich allein gelassen gefühlt haben.
Es war klar, dass kein Kollege mit drinhängen wollte, wenn es schief geht. Die Kanzlerin hat mir allerdings den Rücken gestärkt. Übrigens: Nach der Vulkanasche-Krise haben in einer repräsentativen Umfrage knapp 80 Prozent der Menschen gesagt, dass ich richtig gehandelt habe. Das hat mich natürlich gefreut. Eine schöne Bestätigung.
Ihr Start als Bundesverkehrsminister war ja, sagen wir, etwas unglücklich. Diese Bemerkung mit dem Aufbauprogramm West …
… dieses Wort habe ich nie gebraucht.
Aber Sie haben gemeint, dass wieder mehr im Westen investiert werden muss.
Richtig, und das ist keine Ost-West-Debatte, sondern eine sachliche Feststellung. Das Ergebnis des neuesten Straßenzustandsberichts lautet, dass die Substanz der Straßen in den alten Bundesländern die vergangenen 20 Jahre massiv runtergewirtschaftet wurde. Darauf müssen Politiker reagieren und gegensteuern.
Dennoch kam es im Osten nicht gut an. CSU-Minister hauen zum Amtsantritt wohl gern auf den Putz. Innenminister Hans-Peter Friedrich hat zum Start eine Islamdebatte losgetreten mit der Bemerkung, es lasse sich historisch nicht belegen, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Ein Fehler?
Die Grundlage von Politik ist Realität. Die geschichtliche und kulturelle Entwicklung in unserem Land ist christlich geprägt. Friedrich hat gesagt, dass selbstverständlich heute die hier lebenden Muslime zu Deutschland gehören. Dieser eine Satz ist von den Medien aus dem Kontext gerissen und aufgebauscht worden. Mein Ministerkollege konnte die Wogen inzwischen glätten.
Und hat dennoch Millionen Muslime vergrätzt, die in diesem Land leben.
Es stimmt, viele deutsche Staatsbürger sind heute Muslime. Trotzdem muss die Aussage erlaubt sein, dass die vorherrschende Leitkultur in Deutschland eine abendländische und vom Christentum geprägt ist.
Politik kann ein so unerfreuliches Geschäft sein, haben Sie es nicht manchmal satt? Sie wollten ja mal Konzertpianist werden und angeblich beherrschen Sie sechs Instrumente.
Also mit diesen Gerüchten muss mal Schluss sein. Auf sechs Instrumente komme ich nicht mal, wenn ich Maultrommel, Triangel und Löffelschlagen dazuzähle. Ich kann Klavier und Blockflöte spielen. Und was eine Musikerkarriere angeht: Mein Professor hat mir damals gesagt, dass ich trotz aller Mühen als Konzertpianist Mittelmaß bleiben würde. Also habe ich mich für etwas anderes entschieden.